Krankenhausunterricht

In allen Kinderkliniken, sowie in kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken des Saarlandes ist der Krankenhausunterricht als ständige Einrichtung etabliert. In diesen Kliniken wird der Unterricht von Lehrkräften mit verschiedenen Lehrämtern erteilt.

In den Kinderkliniken werden überwiegend chronisch kranke Kinder unterrichtet. Zeitpunkt und Umfang des Krankenhausunterrichts werden mit dem zuständigen Arzt abgesprochen. Der Unterrichtsumfang richtet sich nach der individuellen Belastbarkeit der Kinder. Der Unterricht wird entweder am Bett oder im Schulraum erteilt.
SchülerInnen mit lebensbedrohlichen (z.B. Leukämie) oder chronischen (z. B. Asthma) Erkrankungen benötigen eine besondere pädagogische Begleitung.  
Beim diesen Kindern geht es darum
-         den Anschluss an den jeweiligen Stand ihrer Klasse zu erhalten
-         Wissenslücken zu schließen
-         Lernrückstände aufzuholen
-         Arbeits- und Lernstrategien zu verbessern  
Hier ist oft die Auseinandersetzung mit der eigenen Krankheit und der damit verbundenen individuellen Problematik erforderlich.  

Der Krankenhausunterricht in den kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken stellt an die Lehrkräfte hohe Anforderungen. In der Regel müssen Lernsituationen geschaffen werden, die geeignet sind das Selbstvertrauen und das Selbstwertgefühl der kranken Kinder und Jugendlichen unter Anerkennung individueller Leistungsmöglichkeiten und –grenzen zu stärken. Häufig gilt es für die einzelnen Schüler Lernmotivationen zu schaffen.

Der Unterricht in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist ein integrativer Bestandteil der klinischen Behandlung. Für viele Schüler ist der Lernort „Schule“ oft schon negativ besetzt. Dadurch haben sich Misserfolge eingestellt, welche sich wiederum verstärkend bis zur ausgeprägten Schulaversion auswirken können.

Die Lehrkräfte nehmen hier förderdiagnostische und sonderpädagogische Aufgaben wahr. Die Erstellung einer pädagogischen „Lern-Diagnose“ erfasst die potentiellen Lern- und Leistungsfähigkeiten des Schülers. Die Akzeptanz bestehender Schwächen und das Eingehen auf die vorhandenen individuellen Stärken und Möglichkeiten, bedingen ein Unterrichtsprinzip, das die Selbstverantwortung des Schülers in den Vordergrund rückt. Dabei sind Fragen zur didaktischen Relevanz der auszuwählenden Unterrichtsinhalte unter der angemessenen Berücksichtigung der Lehrpläne der Stammschule abzuwägen. Dabei ist die Unterrichtssituation geprägt durch Heterogenität, Fluktuation und klinische Eigenbedingungen.

Trotz dieser speziellen Rahmenbedingungen sollte sich die Schule in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu einem Zentrum entwickeln, in dem selbstverantwortliches Lernen durch eine „Didaktik der Lerngelegenheiten“ möglich ist. Unterrichtsprojekte und Arbeiten nach Wochenplan sollten ein Unterrichtskonzept erlauben, das selbstverantwortliches und gemeinsames Arbeiten in Gruppen mit einem Höchstmaß individueller Leistungsdifferenzierung verbindet. Andererseits muss das Konzept aber auch so ausgerichtet sein, dass es ein ausgewogenes Maß an Einzel- und Kleingruppenunterricht zulässt, um einer individuellen Förderung gerecht zu werden. Vorrangiges Ziel einer solchen individuell-sonderpädagogischen Förderung ist es, trotz längerer Abwesenheit von der Stammschule dem Kind den Anschluss an den Unterricht seiner Klasse wieder zu ermöglichen, damit es nach seiner Entlassung aus der Klinik in seinem Selbstwertgefühl gestärkt, ohne Angst in der Schule zu versagen, in seinen schulischen Alltag wieder integriert werden kann.

Aufgabe des Unterrichts ist es auch bei „Grenzgängern“, d. h. bei Schülern, die von sich aus ihre Schullaufbahn als beendet ansehen, wieder Lernfreude zu wecken und schulische oder berufliche Zukunftspläne zu erarbeiten, wobei ihre Fähigkeiten, Neigungen und Interessen berücksichtigt werden.

Die Organisation des Unterrichts macht einerseits die Bildung von jahrgangsübergreifenden (klassenübergreifenden) Lerngruppen für einen gemeinsamen Unterricht notwendig:

-         Unterstufe (Klasse 1 – 4)
-         Mittelstufe (Klasse 5 – 9)
-         Oberstufe (Klasse 10 – 13)

Bei der Bildung der einzelnen Lerngruppen werden die Klassenabgrenzungen flexibel gehandhabt.

Andererseits ist neben einer gemeinsamen Unterrichtung ein Förderunterricht erforderlich, um jedem Schüler individuelle Hilfen anzubieten, gemäß dem für ihn aufgestellten Förderkonzept. Förderunterricht kann als Einzel- oder Kleingruppenunterricht erteilt werden.

Ein wöchentlich neu erstellter Stundenplan ermöglicht, dass Schüler der Klassen 1 – 4 bis zu 10 Wochenstunden, Schüler der Klassen  5 – 13 bis zu 12 Wochenstunden unterrichtet werden.

Der Unterricht wird hauptsächlich von Lehrkräften mit dem Lehramt für Sonderpädagogik erteilt. Für den fachspezifischen Unterricht in den Fächern Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen ab Klasse 10 ist der Einsatz von Fachlehrern erforderlich. Diese Fachlehrer sollten dem ständigen Lehrerteam in der Kinder- und Jugendpsychiatrie angehören. Darüber hinaus können für andere versetzungs- oder prüfungsrelevante Fächer zusätzliche Fachlehrer stundenweise eingesetzt werden.

Der Krankenhausunterricht berücksichtigt die Fähigkeiten, sowie die Schullaufbahn des Schülers und richtet sich nach den Richtlinien und Lehrplänen seiner Stammschule. Grundschüler erhalten vorrangig Unterricht in Mathematik, Deutsch (Lesen und Schreiben), Schüler der Sekundarstufe I und II erhalten Unterricht in den versetzungs- bzw. prüfungsrelevanten Fächern, d h. vorrangig in Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen.

Die Prinzipien der Individualisierung, der Differenzierung und der Selbsttätigkeit sowie der Einsatz von entsprechenden Medien, Lehr-, Lern und Arbeitsmitteln haben hier besondere Bedeutung. Die Schüler sollen ihren Fähigkeiten, Fertigkeiten und Leistungen entsprechend gefördert und möglichst zu ihrem jeweiligen Klassenziel geführt werden.

Die Unterrichtung kranker Schüler erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen den behandelnden Ärzten, den im Krankenhausunterricht unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrern, den sonstigen betreuenden Fachkräften, den Erziehungsberechtigten sowie der Stammschule.

Die für die Schüler verantwortliche Lehrkraft im Krankenhausunterricht informiert die Stammschule darüber, in welchen Fächern der Schüler vorübergehend Krankenhausunterricht erhält und fordert die für die Klasse geplanten Unterrichtsinhalte an. Die Stammschule stellt alle erforderlichen Unterlagen zur Verfügung und informiert die Lehrer im Krankenhaus insbesondere über den Stand der Klasse, die Lernziele und Unterrichtsinhalte im Rahmen der für die Klasse erstellten Unterrichtsplanung.

Die für den Unterricht in Schulen geltenden Vorschriften über schriftliche Leistungsnachweise finden keine Anwendung. Über Art, zeitlichen Umfang und Anzahl schriftlicher  Arbeiten im Krankenhausunterricht entscheidet die unterrichtende Lehrkraft.

Erhält ein Schüler vor dem Zeugnistermin während mehr als 12 Schulwochen Unterricht, so informiert die Krankenhauslehrkraft die Stammschule über die Leistungen in den Fächern, in denen Unterricht erteilt wurde. Die Stammschule entscheidet unter Berücksichtigung dieser Leistungsbeurteilung über die Zeugnisnote und stellt das Zeugnis aus.

Für alle Schüler, die länger als 2 Wochen am Unterricht teilgenommen haben, erhält die Stammschule einen zusammenfassenden Abschlussbericht, der Angaben über Lerninhalte, Lernergebnisse und Verhalten des Schülers im Unterricht bzw. gegebenenfalls Hinweise bezüglich der Schullaufbahn enthält.

Wenn erforderlich – z. B. zur besseren Reintegration – erfolgt durch den/die Krankenhauslehrer/im ein Besuch der Stammschule,

Die Erziehungsberechtigten veranlassen, dass alle im Krankenhausunterricht erforderlichen Bücher, Hefte, Arbeitsmittel und sonstigen Hilfsmittel möglichst schnell dem Kind zur Verfügung stehen, damit ein zielgerichteter, sinnvoller Unterricht unverzüglich beginnen kann. Bei Schulschwierigkeiten besonders im Vorfeld von Zeugnissen, Versetzungen und Prüfungen stehen die Lehrkräfte des Krankenhausunterrichts den Eltern beratend zur Seite.

Steht ein Schulwechsel an, so wird die betreuende Lehrkraft sich mit den Erziehungsberechtigten, den Lehrern der Stammschule (Heimatschule) und den Therapeuten beraten und den Schulwechsel bzw. Schullaufbahnwechsel anbahnen.

Bevor ein Kind in den Unterricht aufgenommen werden kann, sind Grundinformationen wie Name, Alter, Schulform, Klasse, Stammschule und Sprachenfolge unabdingbar. Diese Informationen tragen die Erziehungsberechtigten oder das Klinikpersonal bei der Aufnahme des Patienten in den Schulaufnahmebogen ein. Bei der Aufnahme weist die Klinik bereits auf den Krankenhausunterricht hin und fordert die Erziehungsberechtigten auf, alle notwendigen Unterlagen dem Kind mitzugeben. Der neue Patient kann dann in den nächsten Stundenplan aufgenommen werden.

Die aus pädagogischen Gründen so wichtige Lerngruppenzusammensetzung sollte für längere Zeit bestand haben. In regelmäßigen Teambesprechungen mit allen in der Klinik mit der Therapie des Kindes betrauten Personen werden therapeutische, pädagogische und soziale Zielsetzungen des Klinikaufenthaltes abgesprochen und abgeglichen. Spätestens vor der geplanten Entlassung wird die Wiedereingliederung in den familiären, schulischen und sozialen Alltag besprochen. Die schulische Reintegration sollte der Krankenhauslehrer vorbereiten und aktiv begleiten.

Schulabschlüsse (Hauptschulabschluss und mittlerer Bildungsabschluss) sind im Rahmen der Verordnung – Schulordnung über den Krankenhaus- und Hausunterricht vom 13. Mai 1993 in der Fassung vom 4.7.2003 in Verbindung mit den Prüfungsordnungen der entsprechenden Schulform möglich.

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